WORTE
Worte können gebirgsbachklar an der Felswand der Erkenntnis hinab zum Grunde Deiner Seele stürzen; lass mich in einem Wald der Worte Deine Lichtung sein.
Worte können wie Wasserfälle sich in die Abgründe Deiner Geistes-Gebirge hinein ergießen; lass mich in einem Meer der Menschen Deine Insel sein.
Worte können gletscherbachgleich talwärts schießen und tiefe Kerben im Stein hinterlassen; lass mich in einem Lexikon des Lebens Dein Register sein.
Worte können wie Blut durch die Wunden Deiner Gesinnung rinnen; lass mich in einem Krieg der kranken Geister Deine Friedenstaube sein.
Worte können wie Grundwasser-Seen sich in Deinen Gedanken-Gruben sammeln; lass mich in der Wüste unserer Welt Deine Oase sein.
Worte können sich tröpfchenweise ihre Wege bahnen durch die Geröllfelder unserer Sinne; lass mich in einer Sintflut des Sinnenwahns Deine Arche sein.
Worte können Mauern bauen und sie wieder zum Einsturz bringen; lass mich in einer Macchia der “Meinungsfreiheit” Deine innere Stimme sein.
Worte können den Lack abkratzen oder auch Dein Ego kitzeln; lass mich in einem Sumpf der Selbstsucht Dein Spieglein an der Wand sein.
Worte können Dich streicheln und kosen oder wie Stromstöße in Deinen Ohren tosen; lass mich in Deine dunklen Tage wie ein heller Blitz einschlagen.
Worte können quälend verletzen oder Dich mit ihrer Weisheit benetzen; lass mich im Tohuwabohu der Töne Deine kleine Nachtmusik sein.
Worte können Lust bereiten, mit Dir höchste Gipfel erstürmen; lass mich bei der Geburt unseres Glückes wenigstens eine Hebamme sein.
Worte können heucheln, täuschen, kränken doch auch Vertrauen schenken; lass mich in einem Labyrinth der Lüge Dein Bindfaden sein.
Worte können das Gegenteil dessen meinen, das sie bedeuten; lass mich in einem Irrgarten der Infamie Deine Parkbank sein.
Worte sind immer rein, aber nie ehrlicher, als der, der sie spricht; lass mich im Jenseits unserer Jahre Dein himmlischer Begleiter sein.
Worte können vieles, aber eines können sie nicht:
Worte können kein Leben geben und Worte können kein Leben nehmen. Das kann nur Gott – mit anderen Worten:
Wir.
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